Am 10. Februar 2026 entließ der Präsident Kirgisistans, Sadyr Schaparow, überraschend seinen politischen Weggefährten und engen Freund Kamtschybek Taschijew von den Posten des Vizepremiers und des Vorsitzenden des Staatlichen Komitees für Nationale Sicherheit (SKNS). Im Anschluss an den Chef wurden auch dessen Stellvertreter aus dem Komitee entlassen. Zudem entzog der Präsident dem SKNS den Schutz hochrangiger Amtsträger und wichtiger Objekte, überführte ihn in eine eigenständige Behörde – den Staatlichen Schutzdienst – und unterstellte diesen direkt sich selbst.
Taschijew und Schaparow waren nicht nur Freunde, sondern politische Mitstreiter und Partner der Revolution von 2020. Gemeinsam stürzten sie das vorherige Regime. Danach wurde Taschijew zur „rechten Hand“ des Präsidenten, übernahm die Leitung des SKNS und kontrollierte faktisch den gesamten Sicherheitsapparat des Landes. Ihr Tandem beruhte stets auf gemeinsamen Interessen. Doch hinter der Fassade enger Freundschaft schwelten Differenzen, die offenbar schließlich zum Bruch führten.
Erstens: persönliche Ambitionen und Konkurrenz. Taschijew verbarg seinen Einfluss nicht. Er war populär unter Nationalisten, Sicherheitskräften und einem Teil der Elite im Süden des Landes. In den vergangenen Jahren trat er zunehmend als alternatives Machtzentrum auf – er kritisierte öffentlich Minister und mischte sich in wirtschaftliche Fragen ein. Schaparow, der seine Macht durch Verfassungsänderungen und die Schwächung der Opposition gefestigt hatte, begann in Taschijew offenbar eine Bedrohung zu sehen – insbesondere vor dem Hintergrund von Gerüchten, dieser bereite eine eigene Präsidentschaftskandidatur für 2027 vor. In der kirgisischen Politik endet Freundschaft dort, wo der Kampf um den Thron beginnt. Schaparow entschied sich offenbar, einen potenziellen Rivalen präventiv auszuschalten, bevor dieser zu viel Gewicht gewann.
Zweitens: Meinungsverschiedenheiten in zentralen Fragen. Trotz gemeinsamer Linie unterschieden sich ihre Ansätze. Taschijew galt als radikaler. Sein SKNS ging energisch gegen die Opposition vor, griff dabei jedoch auch Interessen von Clans an, die dem Präsidenten nahestanden. In der Grenzfrage mit Tadschikistan plädierte Taschijew für eine harte Linie, was zu Konflikten und Verlusten führte, während Schaparow möglicherweise Kompromisse suchte, um das internationale Ansehen zu wahren. Auch wirtschaftlich kam es zu Spannungen: Taschijews Antikorruptionskampagnen könnten Geschäftsinteressen der Präsidentenfamilie oder ihres Umfelds berührt haben. Insider-Leaks in kirgisischen Telegram-Kanälen deuten auf einen Skandal bei der Vergabe von Infrastrukturverträgen hin – Taschijew soll angeblich für Schaparows Umfeld vorteilhafte Konstruktionen blockiert haben. Kurz gesagt: Aus der Freundschaft war offenbar ein erzwungenes Bündnis geworden, das zunehmend Risse zeigte.
Ein dritter Faktor war Taschijews Gesundheitszustand und seine Abwesenheit im Land. Der Erlass traf ihn während eines Aufenthalts in Deutschland zur Behandlung (offiziell befindet er sich dort seit Ende Januar 2026, mutmaßlich wegen Herzproblemen). Das wirkt weniger wie Zufall als wie Kalkül. Schaparow nutzte offenbar einen Moment, in dem Taschijew physisch nicht in der Lage war, Widerstand zu leisten oder Unterstützer zu mobilisieren. Das ist ein klassisches Muster autoritärer Systeme: Einen Gegner ausschalten, wenn er geschwächt ist. Gerüchte über „Vergiftung“ oder „erzwungene Behandlung“ kursieren, bleiben jedoch unbelegt. Fakt ist: Die Entlassung erfolgte in Abwesenheit – was auf Eile und die Sorge vor Unruhe innerhalb des SKNS hindeutet.
Gleichzeitig wurden drei Stellvertreter Taschijews entlassen, was auf eine Säuberung der „Taschijew-Fraktion“ im Sicherheitsapparat schließen lässt. Die Ernennung von Dschumgalbek Schabdanbekow zum amtierenden Vorsitzenden gilt als Entscheidung für eine vorübergehende, Schaparow loyale Figur ohne die Charisma und Eigenständigkeit seines Vorgängers.
Warum war das notwendig? Die Entlassung diente offenbar der weiteren Machtkonsolidierung Schaparows. Er befreite sich von einem „Freund“, der zu einflussreich geworden war, um einen möglichen inneren Umsturz zu verhindern. Taschijews angeschlagene Gesundheit bot einen günstigen Anlass. Wäre er nicht in Deutschland gewesen, hätte er womöglich auf loyale Sicherheitskräfte oder Medien zurückgreifen können.
Prognose. Die Entlassung Taschijews ist eine Zeitbombe für Schaparows Regime. In den kommenden Monaten sind umfangreiche Säuberungen in den Sicherheitsstrukturen zu erwarten. Das SKNS ist das zentrale Kontrollinstrument über alle Machtzweige, und Schaparow wird versuchen, es vollständig mit loyalen Personen zu besetzen. Das könnte jedoch Unmut unter Offizieren auslösen, die Taschijew treu ergeben sind. Verhaftungen oder „freiwillige“ Rücktritte im Innenministerium oder in der Armee sind möglich, um potenzielle Meutereien im Keim zu ersticken.
Sollte Taschijew nach Kirgisistan zurückkehren – was wahrscheinlich ist, um sein Gesicht zu wahren –, könnte er in die Opposition gehen. Mit seiner Popularität im Süden, in Osch und Dschalal-Abad, wäre er in der Lage, Proteste zu mobilisieren. Man erinnere sich an 2020: Taschijew war einer der Anführer der Revolution, die ihn gemeinsam mit Schaparow an die Macht brachte – nun riskiert er, zur „Opferfigur des Regimes“ zu werden. Sollte Schaparow jedoch hart vorgehen – etwa durch Verhaftung oder Korruptionsanklagen –, könnte Taschijew ins Exil gehen, wie viele kirgisische Oppositionspolitiker vor ihm.
In der Gesellschaft wächst ohnehin Unzufriedenheit: Inflation, Korruption, Einschränkung der Medienfreiheit. Die Entlassung Taschijews dürfte die Polarisierung verstärken – Nationalisten werden darin Verrat sehen, die Opposition einen weiteren Beweis für den autoritären Kurs des Regimes.
Ich habe Kamtschybek Taschijew in den Jahren 2010–2011 mehrfach persönlich getroffen. Schon damals hatte ich den Eindruck, dass es keineswegs jemand ist, der Macht freiwillig aus der Hand gibt. Daher sehe ich zwei Möglichkeiten. Entweder seine Entlassung war Ergebnis einer durchdachten Absprache zwischen ihm und Schaparow – dann hat Taschijew erhebliche „Abfindungen“ erhalten, und es wird nichts weiter geschehen. Oder aber es kam für ihn überraschend – dann wird er sich schwer gekränkt fühlen, und Schaparow drohen ernste Probleme. Im zweiten Fall könnte alles in einer weiteren „Revolution“ enden.
Es gibt jedoch auch eine andere, eher unerwartete Version – eine „Rochade“. In Bischkek wird gemunkelt, Schaparow und Taschijew hätten sich geeinigt: Letzterer werde bei den Präsidentschaftswahlen kandidieren und mit hoher Wahrscheinlichkeit gewinnen – formal ohne administrativen Druck, also aus eigener Kraft.
Taschijew wolle nun selbst Präsident werden, während Schaparow unter ihm das Amt des Premierministers übernehme. Und die gesamte Freundschaft und das Tandem würden fortbestehen.
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